¡ Stummer Schrei !

Seit nun praktisch zwei Monaten erleben wir die verschiedensten Facetten der Gewalt. Zwei Monate in einem Wechselbad der Gefühle, zwischen Hoffnung und Enttäuschung, wobei die Enttäuschung immer mehr an Gewicht gewinnt. In den Fernsehkanälen bedienen sie uns nicht nur Stunde für Stunde ungefiltert mit all den blutigen Neuigkeiten, nein, wir müssen sie live in unseren Straßen leben. Während sie all diese Grausamkeiten erbarmungslos begehen, scheint es, dass sie in der Hitze der Gefechte die Tausenden von Kindern um sie herum völlig vergessen haben. Es macht wirklich den Anschein, als wären sie nicht Teil der nicaraguanischen Gesellschaft und niemand denkt über den Schaden nach, den sie in den zerbrechlichen Psychen dieser wehrlosen Geschöpfe verursachen.
Ich kann lediglich über die Veränderungen unserer 70 Kinder sprechen, aber ich stelle mir vor, dass es allen gleich geht, wenn nicht sogar schlimmer:
Wenn unsere Kinder mit ihren Spielzeugautos Straßenblockade spielen, betrachte ich sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Wenn wir aber fragen, was wollt ihr Spielen und sie uns wie in einem Chor antworten: „Wir wollen Krieg spielen“, sehe ich es als Hilfeschrei ihrer unterdrückten Gefühle. Mit großer Sorge haben wir etliche Veränderungen wahrgenommen, welche sich unaufhaltsam in die Seelen unserer Kinder geschlichen haben. Sie sind generell viel unruhiger, unkonzentrierter und aggressiver als vor zwei Monaten. Viele Kinder haben an Gewicht verloren und unsere Liste für die zusätzliche Vitaminabgabe wird täglich länger. Wenn sie am Morgen kommen und um Frühstück bitten, fühle ich mich um fünf Jahre zurückversetzt. Wo sie noch vor zwei Monaten Schlösser, Parks, Häuser und Tiere aus Legos gebaut haben, werden nun Pistolen und Gewehre fabriziert. Inzwischen wissen sie besser, woraus ein hausgemachter Granatwerfer besteht und wie er verwendet wird, als dass sie das Einmaleins auswendig lernen. Wo sie früher Kinderlieder in hellen und klaren Stimmen sangen, schreien sie heute die Reime mit all ihrem Schmerz in den Raum. Und am schlimmsten: Mädchen und Jungen von 6, 7 oder 8 Jahren, die nie Probleme mit der Blase hatten, nässen sich am helllichten Tag.
Und wenn sie mitten in der Nacht, auf der Suche nach einem sicheren Ort an meine Tür klopfen, bricht es mir fast das Herz. Und wenn ich sie in all ihrer Unschuld im Tiefschlaf betrachte, schmilzt meine Seele.
Dies sind nur einige kleine Beispiele der Spitze des Eisberges, welcher sich nicaraguanische Kindheit nennt, die in aller Stille leidet, während ihre schreiende Umgebung in Flammen aufgeht.
(Priska Buchmann Scherer)